Sonntag, 30. September 2012

Eiiiiiiineeeeeee Insel mit zwei Bergen liegt im tiefen blauen Meer ...

Die Lesende Minderheit hat mal wieder ein schönes Monatsmotto rausgegeben: "Lies ein Buch aus deiner Kindheit!"

Wie gut, dass ich in letzter Zeit jede Menge Bücher aus meiner Kindheit lese. Meine große Tochter ist mittlerweile in dem Alter, dass sie es genießt, abends im Bett zu liegen und von mir noch ein bisschen vorgelesen zu kriegen, OHNE dass sie dabei Bilder schauen mag. Und so gehen wir nach und nach die Klassiker durch, immer mal wieder unterbrochen von einem "modernen" Vorlesebuch.

So stand ich also eher vor der Qual der Wahl, welches "meiner" Kinderbücher ich für die Lesende Minderheit hier im Blog besprchen soll. "Wir Kinder von Bullerbü"? "Die Kleine Hexe"? "Michel in der Suppenschüssel"? Oder doch lieber alle drei Bände vom "Räuber Hotzenplotz"?

Meine Wahl fiel schließlich auf MEIN erstes Buch - also das allererste Buch, das mir selbst gehört hat. Ich hab es mit vier Jahren oder so zu Ostern bekommen, meine Mama hat es uns damals dann auch vorgelesen - und ich wage zu behaupten, dass dieses Buch mich sehr stark beeinflusst hat. Ich hab es wieder gelesen, als ich selbst lesen konnte, und als Jugendliche auch noch mal. Und nun also als Erwachsene - und ich muss sagen, ich hab jedes Mal wieder diesen Zauber gespürt, wie beim allerersten Mal. Eintauchen in die Geschichte, die Farben sehen, die Düfte riechen, Kino im Kopf vom Allerfeinsten. Welches Buch das geschafft hat? Wer die Überschrift gelesen hat, weiß es schon längst:

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer von Michael Ende

Kurz zum Inhalt - falls jemand die Geschichte nicht kennen sollte ... Ich weiß ja (und bin jedes Mal wieder fasziniert), dass diejenigen, die im Osten aufgewachsen sind, völlig andere Kinderbuchklassiker lieben als wir Wessis ...:

Lukas der Lokomotivführer lebt auf Lummerland, jener winzig kleinen Insel mit zwei Bergen. Dort wohnt er gemeinsam mit Lokomotive Emma in der kleinen Bahnstation und ist der Nachbar von Frau Waas (die im Haus mit dem Kaufmannsladen lebt) und Herrn Ärmel (der im normalen Haus wohnt). Über die Insel regiert König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte von seinem Schloss zwischen den beiden Berggipfeln auf.
Eines Tages bringt das Postschiff ein Paket, das an eine gewisse Frau Malzan oder so ähnlich in XUMMRLANT adressiert ist. Nach eingehender Suche und Beratung beschließt der König, dass Frau Waas das Paket öffnen darf. Und darin liegt - ein kleines schwarzes Baby! Frau Waas adoptiert den Jungen, den alle Jim nennen, und zieht ihn groß. Weil er sich immer die Hose an dersselbe Stelle aufreißt, näht sie ihm einen Knopf an die Hose, so kann er das Loch einfach aufknöpfen, statt es zu reißen, und sie knöpft es wieder zu, statt es zu flicken.
Jedenfalls wächst Jim Knopf glücklich heran; doch das wird zu einem politischen Problem, da der König Angst hat, dass es auf Lummerland zu eng wird. Er fordert Lukas auf, Emma abzuschaffen, damit statt der Gleise Platz für Jims Haus entsteht. Lukas entschließt sich schweren Herzens, gemeinsam mit Emma zu gehen, denn was wäre ein Lokomotivführer ohne Lokomotive? Zufällig hört Jim seinen Plan mit an und weiß sofort: Er geht mit. Er kann seinen besten Freund doch nicht im Stich lassen!
Nachts brechen sie auf der kalfaterten (was für ein WORT!!!) Lokomotive als Schiff auf ins Ungewisse. Schließlich landen sie in Mandala*), und erfahren dort, dass des Kaisers Tochter, Prinzessin Li Si, in der Drachenstadt Kummerland von einer gewissen Frau Mahlzahn gefangen gehalten wird. Sofort ist Lukas klar: DAS ist die Adresse, zu der Jims Paket eigentlich hätte gehen sollen! Und so beschließen die Freunde, die Prinzessin zu befreien und das Geheimnis um Jims Herkunft zu lösen.
Nach zahlreichen Abenteuern, bei denen sie so tolle neue Freunde wie den Scheinriesen Herrn TurTur oder den Halbdrachen Nepomuk kennenlernen, gelangen sie schließlich in die Drachenstadt und in die Schule von Frau Mahlzahn, einem besonders scheußlichen Drachen. Das fiese Wesen hat Kinder aus aller Herren Länder entführen lassen (von den schrecklichen Piraten "Die Wilde 13") und quält sie nun in einer Schule wie aus dem Alptraum eines Vor-68er-Pädagogen ...
Mit List und Schläue gelingt es Jim, Lukas und Emma, den Drachen zu überwinden und die Kinder zu befreien. Sie fesseln den Drachen an die Lokomotive und gelangen über den unterirdischen Gelben Fluss schnell zurück nach Mandala.
Der Kaiser ist überglücklich, seine kleine Tochter wiederzuhaben. Jim ist schrecklich verliebt in Li Si (wie praktisch, da der Kaiser ihrem Retter ihre Hand versprochen hatte ;o)), alle sind glücklich - ja, wirklich alle, sogar Frau Mahlzahn. Denn sie verrät Jim das große Geheimnis der Drachen: Alle Drachen sind nur deswegen so schrecklich gemein und böse, damit jemand kommt und sie überwindet. Leider werden die meisten Drachen dabei getötet. Wenn sie nämlich NICHT getötet werden, dann verwandeln sich die überwundenen Drachen in Goldene Drachen der Weisheit, die alle Rätsel und Geheimnisse der Welt kennen. Leider muss Frau Mahlzahn aber erst einmal ein ganzes Jahr schlafen, bis die Verwandlung abgeschlossen ist, und sie kann Jim das Geheimnis seiner Herkunft nicht mehr verraten. Doch einen Tipp hat sie noch: Wenn die Reisenden zu einer bestimmten Uhrzeit an einem bestimmten Punkt im Meer sein werden, finden sie eine kleine schwimmende Insel. Diese können sie an Lummerland verankern und so das Platzproblem lösen.
Gesagt, getan. Und Jim und Lukas wissen genau, dass sie in einem Jahr wieder aufbrechen werden, um mithilfe des Goldenen Drachen der Weisheit endlich das Geheimnis um Jims Herkunft zu lösen ...

Was hab ich das Vorlesen genossen!! Als Kind hatte ich in erster Linie die Geschichte geliebt, habe ehrfürchtig vor dem rot und weiß gestreiften Gebirge gestanden (als ich dann mal auf Island war, konnte ich mich gar nicht sattsehen, als ich dort WIRKLICH gestreifte Berge gesehen hab!), in der Wüste "Das Ende der Welt" die Fata Morgana gesehen, mit den Freunden gezittert, als ihnen in der tiefsten Dunkelheit vor dem "Mund des Todes" die Kohlen ausgehen, und gejubelt, als Jim den bösen Drachen besiegt.
Aber jetzt, als Erwachsene mit sagen wir mal einem beträchtlichen Schatz an Leseerfahrung, ist mir erst mal richtig aufgegangen, was für ein Wortkünstler Michael Ende war. Wie die Worte von der Zunge perlen! Wie er die kleinen Leser und Zuhörer herausfordert, ohne sie zu überfordern! Lange Sätze, komplizierte Wörter (ich hab ja schon kalfatern zitiert ;o)), und das alles, ohne dass meine Noch-nicht-ganz-Fünfjährige ein einziges Mal nachgefragt hat, was das bedeutet! Und dazu diese überbordende Phantasie, die all die magischen Momente und Beschreibungen als völlig natürlich und  einfach nur schön darstellt.
Zu seiner Zeit wurde Michael Ende ja gerne Eskapismus vorgeworfen - Jim Knopf hat mittlerweile schon über 50 Jahre auf dem Buckel. Aber es ist keine FLUCHT in die Phantasiewelt. Es ist einfach eine traumhafte Reise, ein großes Abenteuer, dass die Kleinen gemütlich zu Hause auf dem Sofa, im Bett, in Mamas oder Papas Armen erleben können. Er schult die Augen und Ohren der Kinder für unglaubliche Dinge, für das Besondere im Alltäglichen. In "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" steckt auch ganz schön viel Bildung und Wissen drin, ob das nun die Gesetze der Optik oder die Technik der Dampflokomotive sind ;o)
Dazu kommt, dass die Kapitel wirklich perfekt zum abendlichen Vorlesen geeignet sind von der Länge her. Etwa 10 bis 15 Minuten lang haben wir an einem Kapitel gelesen.

Was für mich auch noch ein schöner Nebeneffekt war: Ich selbst hatte als Kind die Ausgabe, die von Reinhard Michl illustriert war.
Leider find ich im Netz kein gescheites Bild der Ausgabe. Ich werd mal ein Foto "meiner" Ausgabe machen und es nachreichen (das Buch "wohnt" noch bei meinen Eltern ;o)).
Jedenfalls, für meine Kinder hab ich nun eine neue "alte" Ausgabe mit den Originalbildern von F.J. Tripp. Und so ist das Lesen für mich auch optisch eine Neuentdeckung, weil ich diese Bilder so nicht bzw. kaum kannte ... Ich mag die Michl-Bilder lieber, aber das liegt bestimmt schlicht daran, dass ich daran mehr gewöhnt bin!

Und in diesem Zug noch ein Wort zu Mandala *):
Ich kann mir vorstellen, dass hier so mancher, der das Buch als Kind gelesen hat oder "nur" die Version der Augsburger Puppenkiste kennt, die Stirn runzelt und denkt: "Mandala?? Was soll DAS denn?? Jim Knopf und Lukas gehen doch nach China!"
Haben sie auch gemacht  - bis 1981. Damals kam eben diese Neuausgabe mit den Michl-Illus auf den Markt. Und diese Neuausgabe hat Michael Ende dazu genutzt, aus China Mandala zu machen. Die politische Situation in China hat ihn dazu bewogen, auch diese Land zu einem vollkommen phantastichen Platz zu machen, denn, wie er selbst sagte, das reale China hatte mit SEINEM China absolut nichts mehr gemeinsam. Recht hat er gehabt <3.

Danke für diese schöne Zeitreise, Bine und Caro! Wenn es nach mir ginge, würde ich noch die nächsten acht Monate über die Helden meiner Kindheit schreiben - Stoff genug hab ich ja nun gelesen ;o).
Aber nein, ich freu  mich lieber auf das nächste Lesethema. Mal sehen, was da morgen für eine Idee kommt!

Ach so, noch schnell die bibliographischen Angaben:

Michael Ende:
Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer
ISBN 978 3 522 17650 7
14,90 Euro
erschienen im Thienemann Verlag
und zum Beispiel hier erhältlich!

Und weil ich eben in der Vorschau doch etwas erschrocken über den Riesenpost war, schnell noch eine Runde Kekse für alle, die durchgehalten haben!

Kommentare:

holunder hat gesagt…

Danke für den spannenden "Riesenpost". Ich habe dieses Buch ebenfalls geliebt und es total genossen die Geschichte(immer und immer wieder) meinen Kindern vorzulesen.
Liebe Grüße Andrea

Die Linkshänderin hat gesagt…

Jaaa, das ist auch eines meiner Lieblingskinderbücher! Vor ein paar Wochen habe ich es meinem Vierjährigen vorgelesen und war überrascht, weil es noch viel großartiger ist, als ich es in Erinnerung hatte (und selbst in meiner Erinnerung war es schon phantastisch). Michael Ende hat so wunderbare Klassiker geschrieben!

Ich habe es bei der Lesenden Minderheit nicht gepostet, weil ich mich bei diesem Buchthema auf Jugendbücher beschränkt habe.

Deine anderen Lieblingsbücher finde ich heutzutage eher schwierig. Otfried Preußlers Figuren sind immer so obrigkeitshörig. "Das kleine Gespenst" geht noch, das lesen wir jetzt gerade.
Astrid Lindgrens Geschichten sind oft brutal (wird Michel nicht in den Schuppen gesperrt?) oder rassistisch (Kapitän Langstrumpf, der "Negerkönig"). "Die Kinder im Dschungel" ist schön, das mag mein Kind auch gern. Aber das kennt kaum jemand.
Ich mag zwar beide Autoren sehr, finde sie aber wie gesagt schwierig für unsere Kinder.

Liebe Grüße,
Henriette