Montag, 3. Dezember 2012

Blogg dein Buch: "Über uns Stille" von Morton Rhue

Ui, das aktuelle Blogg-dein-Buch-Buch lag jetzt aber ne ganze Weile auf meinem Nachttisch ... Doch heute konnte ich die Zwangspause nutzen, die mir meine Große aus dem Kindergarten mitgebracht hat: Ich liege mit einer fiesen Virusinfektion flach. Ich hab praktisch keine Stimme, fiesen Husten und Halsschmerzen - aber lesen kann man damit ganz hervorragend, vor allem, wenn Mann und Kinder aus dem Haus sind ;)

Also, zum Buch:

"Über uns Stille" von Morton Rhue, erschienen im Ravensburger Buchverlag, 256 Seiten, 14,99 Euro

Zum Inhalt:
Scott Porter ist 12 Jahre alt und lebt in den USA. Es ist der Sommer 1962, Kennedy ist Präsident, die Russen planen, auf Kuba atomare Kurzstreckenraketen zu installieren - die Welt steht am Rande eines Atomkriegs. Und Scotts Vater baut einen Bunker im Garten. Die Nachbarn belächeln ihn, verspotten ihn gar. Scott selbst weiß nicht genau, wie er damit umgehen, was er empfinden soll. Angst davor, was sein könnte? Oder eben nicht, weil sein Vater ja vorsorgt? Scham, weil andere seinen Vater als Spinner oder Trottel bezeichnen? Wut, weil sie ihm nicht glauben?
Denn so recht will keine glauben, dass es tatsächlich zum Äußersten kommen sollte. Zwar gehören Luftschutzübungen und Informationen darüber, wie man dem nuklearen Fall-out entgehen könnte, zum Alltag, doch Realität ist das nicht ...
Doch  eines Tages WIRD das Unfassbare Wirklichkeit. Scott wird mitten in der Nacht von seiner  Mutter aus dem Bett gerissen und die Familie flieht in den Bunker. Aber sie sind nicht die Einzigen, alle Nachbarn stehen plötzlich im Garten und verlangen Einlass. Es kommt zum Handgemenge, Scotts Mutter stürzt die Leiter hinunter, zwei Familien (oder genauer, anderthalb) können sich in den Bunker drängen, dann gelingt es Scotts Vater (mit einem der anderen Männer), die Luke zu schließen, denn der Bunker ist, was Raum, Luft, Wasser und Vorräte angeht, ja nur für vier Personen ausgelegt. Entsetzlich die Rufe und das Klopfen von außen - doch noch viel entsetzlicher, als plötzlich Stille herrscht.
Und nun folgen vierzehn endlos lange Tage. Es gibt zu wenig zu essen, wenig Wasser, keine Privatsphäre. Scotts Mutter befindet sich in einer Art Wachkoma, die Familie Shaw (Scotts bester Freund Richie und seine Eltern) sind wie gelähmt vor Furcht, Mr McGovern, der seine Tochter Paula in der Bunker geschubst hat, seine Frau und seinen behinderten Sohn aber zurücklassen musste, verbreitet nichts als Hoffnungslosigkeit und Bitterkeit. Scotts Vater versucht, die Hoffnung aufrechtzuerhalten, und Janet, die farbige Haushälterin der Familie, die zufällig in dieser Nacht bei den Porters übernachtet hat, ist die einzige, die Wärme und Menschlichkeit verbreitet.
Die Sorge um seine Mutter, die Angst vor dem, was kommt, der Hunger und die Einsamkeit bestimmen Scotts Tage. Ihm wird bewusst, dass Erwachsene auch nur Menschen sind, unsicher, schwach, auch dumm. Diese Erkenntnis lässt ihn selbst schnell reifen.
Als die vorgeschriebenen 14 Tage endlich um sind und das Strahlenmessgerät von Scotts Vater nur noch knapp über 50 Röntgen (Anm.: Ist das ein Übersetzungsfehler? 50 Gray sind als tödliche Strahlendosis bekannt) anzeigt, wollen die zehn Eingesperrten den Bunker verlassen. Doch auf der Luke liegt etwas - und die Männer sind nach zwei Wochen mit viel zu wenig Nahrung, frischer Luft und Bewegung völlig geschwächt. Einen schrecklichen Moment lang denken alle, sie sind lebendig begraben - doch dann mobilisieren Scott, sein kleiner Bruder und Richie ihre letzten Reserven und gemeinsam schaffen sie es, die Luke aufzustemmen.
WAS genau auf der Luke lag, erzählt Rhue nicht, das muss er aber auch nicht - es ist klar, dass es sich um die Leichen der Nachbarn handeln muss. Jetzt müssen Scott und die anderen sich in der neuen Welt zurechtfinden - doch das Buch endet hier.

Meine Meinung:
Wenn man "Morton Rhue" liest, weckt das ja schon gewisse Erwartungen, muss ich zugeben. Und von der psychologischen Dichte her entspricht "Über uns Stille" auch wirklich diesen Erwartungen. Das Buch wird aus zweierlei Perspektiven erzählt, immer im Kapitelwechsel. Die ungeraden Kapitel spielen in Scotts Jetzt, im Bunker; die gerade erzählen von seinem Leben VOR der Bombe, von den letzten Wochen und Tagen seines alten Lebens. Dort ist er ganz normaler 12-Jähriger, der ab und an über die Stränge schlägt, sich Gedanken über seine Eltern und seine Umgebung macht und so ganz, ganz langsam anfängt, sich für Mädchen zu interessieren. Hier, im Bunker, ist alles anders. Er erlebt die Panik und die Verwirrung, als die Nachbarn in den Bunker stürmen wollen - auf der einen Seite ist ihm völlig klar, dass die Tür zugehen muss und dass sie nicht mehr Leute hineinlassen dürfen, wenn sie eine Chance haben wollen; aber auf der anderen Seite sind das doch alles Nachbarn, Menschen, die sie kennen, die sie mögen. Schuldgefühle und Angst bestimmen sein Gefühlsleben, doch auch Zorn auf Mr McGovern, der seinen Vater angreift, als nicht alles so funktioniert, wie gedacht.
Durch das verwirrende Verhalten der Erwachsenen (die schon fast stereotyp alle Möglichkeiten widerspiegeln, wie man sich in solchen Extremsituationen verhalten könnte, von Verzweiflung über Apathie bis hin zu wütender Suche nach jemandem, dem man die Schuld für das Passierte geben könnte) macht Scott einen Prozess durch, der eigentlich noch mehrere Jahre in Anspruch genommen hat: Er wird selbst erwachsen, dadurch, dass er erkennt, dass die Erwachsenen nicht so überlegen und souverän sind, wie er sie als Kind immer erlebt hat.
Rhue schafft es wunderbar, die Beklemmung und die Ängste, die in dem Bunker vorherrschen, wiederzugeben, und doch: Wirklich BERÜHRT hat mich "Über uns Stille" nicht. Ich fand auch sehr seltsam, dass NIRGENDS im Buch erwähnt wird, dass dies hier ein "Was wäre, wenn"-Szenario ist, dass die Welt wirklich einmal kurz davor war, in einem Atomkrieg zu versinken. Lediglich das Epilog, in dem vom Autor selbst berichtet wird, wie er zum Haus seiner Kindheit zurückkehrt und dort den Bunker besucht, den sein Vater 1962 angelegt hat, deutet darauf hin, dass hier ein Stück Geschichte verarbeitet wird. Und ehrlich gesagt bezweifle ich ein wenig, dass die Jugendlichen heute das so hundertprozentig verstehen werden. Klar ist die Kuba-Krise dieses Jahr genau 50 Jahre her, und vielleicht wurde es in den USA auch mehr thematisiert als hierzulande, aber wenn man einen heutigen 12- oder 13-Jährigen darauf anspricht, vermute ich mal, dass da nicht so viel kommt. So reiht sich "Über uns Stille" einfach nur ein in die derzeitige Flut von Dystopien - mit einem Unterschied: Während Romane wie "Die Tribute von Panem", "Die Welt, wie wir sie kannten" oder "Lost Land" in der Welt nach der Zerstörung spielen und zeigen, wie die Menschen sich darin neu zurechtfinden müssen, zeigt "Über uns Stille" den Übergang von der Realität in die Dystopie. Da, wo es für die modernen Jugendlichen wahrscheinlich erst so richtig interssant geworden wäre, bricht Rhue ab.

Und darum kann ich dem Buch nur drei von fünf möglichen Garnröllchen geben. In Sachen Psychologie ist Rhue nach wie vor ein Meister, aber ich finde, er hat seine Zielgruppe aus den Augen verloren. Selbst ich, die ja immerhin das Ende des Kalten Krieges noch miterlebt hat (und als ich so alt war wie Scott, hatte meine Mutter Angst davor, dass der Golfkrieg uns in einen Weltkrieg stürzen könnte ...), bin nicht richtig in die Geschichte reingekommen. Zu fremd waren mir die Vorstellungen (von wegen "Duck and Cover" in den Schulen und die Anweisung, vor allem nicht in den Atomblitz zu schauen, dann wird das schon). Vielleicht sollte ich das Buch mal meiner Mutter zu lesen geben - sie ist derselbe Jahrgang wie Rhue und damit auch Scott ...

Darum: Bedingte Leseempfehlung. Wer ein packendes Psychodrama wie die "Welle" oder ein schmerzhaftes Buch, das abschreckt, wie Gudrun Pausewangs "Die Wolke" erwartet hat, wird enttäuscht werden. Doch mit der nötigen Hintergrundinformation ein interessantes "Was wäre wenn".

Kommentare:

Fabulatoria hat gesagt…

Danke für die ausführliche Rezension. Mich hatte das Buch auch interessiert, aber jetzt weiß ich, dass das nichts für mich ist. Für das was wäre wenn Szenario kann man dann wohl besser Philip K. Dick "Nach der Bombe" lesen.

Liebe Grüße, Carmen

Anne hat gesagt…

danke luci!

ich hatte das buch schon im auge, und ich glaube, ich kaufe es irgendwann nach dem umzug, denn gerade, dass es an der stelle abbricht, finde ich glaube ich gut. seit der "13. prophezeiung" habe ich für die zeit nach dem ereignis nicht mehr viel übrig...

ich muss allerdings zugeben, man hört den namen und hat sofort eine vorstellung, wie das buch sein muss. deshalb mag ich zb von grisham auch nur die bücher vor der "farm" ;) lg, anne